Lektion 3: Grammatik

1 Genitiv

(a) Bildung des Genitiv Singulars

Der Genitiv estnischer Nomina wird auf unterschiedliche Weise gebildet. Dabei kann ein Vokal an den Nominativ angehängt werden, der Nominativstamm verändert werden, oder beides zusammen. Welcher dieser Prozesse bei einem bestimmten Nomen wirkt, kann (der Estnischlernende) leider nicht unmittelbar am Nominativ des Wortes ablesen. Man muss deshalb zusätzich zum Nominativ eines Nomens auch den Genitiv, als ein Wortpaar gewissermaßen, dazu lernen. Das Estnische verhält sich hier also wie das Lateinische, wo man ja auch den Nominativ und den Genitiv eines Wortes kennen muss, um das Deklinationsparadigma herleiten zu können. Tatsächlich müssen für das estnische Nomen jedoch 3 bzw. 4 Formen gelernt werden, um wirklich jede deklinierte Form eines Wortes fehlerfrei ableiten zu können, wie wir noch sehen werden.

Genauer betrachtet gibt es auch im Estnischen für den Zusammenhang von Nomitativ und Genitiv Regularitäten. Solche Regularitäten zeigen sich z.B. im Lateinischen in den 5 Deklinationsschemata, d.h. jedes Wort gehört zu einem dieser Schemata und verhält sich im Rahmen dieser Ableitungsvorschrift regelmäßig. Das bedeutet: Statt des Nominativs und Genitivs, kann man auch Nominativ und Nummer (bzw. Namen) des Deklinationsschemas (im Lateinischen: «1. Deklination», «2. Deklination», «a-Deklination», «i-Deklination», usw.) auswendig lernen. Im Estnischen gibt es allerdings ca. 95 solche Schemata. Lehrbücher und Grammatiken verwirren den Lernenden manchmal mit einer umfangreichen und detaillierten Auflistung aller dieser Schemata, anhand von Beispielwörtern, im Estnischen Typenwörter genannt.

Wir werden dies in diesem Lernprogramm nicht tun, sondern nur die wichtigsten Regeln hier auflisten, um es dem Estnischlernenden bei unbekannten Wörtern zu ermöglichen, den Genitiv zu erkennen bzw. daraus mögliche Nominativformen zu erschließen, die für die Wörterbucharbeit erforderlich sind. Der Anfänger muss deshalb diesen Abschnitt nicht unbedingt durcharbeiten, sondern es reicht, wenn er den Genitiv für jedes Nomen und jedes Adjektiv mit lernt und sich die Regeln später einmal bei Bedarf anschaut.

Typisch und charakteristisch für den Genitiv ist, dass er immer auf einen Vokal endet.

Wichtige Regeln sind:

1. Endet der Nominativ auf einen Vokal, lauten Nominativ und Genitiv meist gleich.

NOMINATIVGENITIV
emaema(Mutter)
autoauto(Auto)
õpetajaõpetaja(Lehrer)
karukaru(Bär)

2. Endet der Nominativ auf einen Konsonanten, wird in der Regel ein a, e, i oder u angefügt. Welcher Vokal dies im Einzelfall ist, muss gelernt werden.

NOMINATIVGENITIV
saarsaare(Insel)
raamatraamatu(Buch)
televiisorteleviisori(Fernseher)
vihikvihiku(Heft)
hotellhotelli(Hotel)

3. Endet der Nominativ auf -ne lautet der Genitiv auf -se.

NOMINATIVGENITIV
eestlaneeestlase(Este)
sakslanesakslase(Deutscher)
hobunehobuse(Pferd)
kollanekollase(gelb)
sininesinise(blau)
karvanekarvase(haarig)

4. Folgt am Wortende des Nominativs ein -s unmittelbar auf einen Vokal, dann verschwindet dieses -s im Genitiv meist.

NOMINATIVGENITIV
hammashamba(Zahn)
lammaslamba(Schaf)
kirveskirve(Axt)
kalliskalli(teuer, lieb)

5. Endet der Nominativ auf -el, -er, -ar oder -ur, dann verliert das Wort im Genitiv oftmals (aber nicht immer) den Vokal dieser Endsilbe. Anschließend wird nach Regel 2 noch ein anderer Vokal angefügt.

NOMINATIVGENITIV
peegelpeegli(Spiegel)
tütartütre(Tochter)
tahveltahvli(Tafel)
kohverkohvri(Koffer)
suhkursuhkru(Zucker)

6. In vielen Fällen verändert sich beim Übergang von Nominativ zum Genitiv zusätzlich noch der Stamm des Nomens. Diese Veränderungen lassen sich durch einen für die ostseefinnischen Sprachen typischen morphonologischen Prozess, genannt Stufenwechsel (siehe Lektion 0) beschreiben. Dabei gibt es als erstes den quantitativen Stufenwechsel, der in mehreren Varianten vorkommt.

6a. Ein erster Typ des quantitativen Stufenwechsels sieht vor, dass der lange Stammkonsonant des Nominativs p, t , k oder ss nach Langvokal oder Dipthong sowie vor oder nach einem Resonant (d.h. l, r) zu einem b, d , g oder s im Genitiv gekürzt wird oder umgekehrt. Phonetisch betrachtet (siehe Ausspracheregeln in Lektion 0) wird also ein Laut auf Stufe II: [p:], [t:] , [k:] oder [s:] zu einem Laut auf Stufe I: [p], [t] , [k] oder [s] gekürzt oder umgekehrt. Die lange Variante ist in den Beispielen mit (+), die kurze mit (-) gekennzeichnet.

NOMINATIVGENITIV
kurk (+)kurgi (-)(Gurke)
hunt (+)hundi (-)(Wolf)
tort (+)tordi (-)(Torte)
tõuge (-)tõuke (+)(Schub)
kobras (-)kopra(+)(Biber)
vaade (-)vaate (+)(Ausblick)

6b. Bei einem zweiten Typ des quantitativen Stufenwechsels wird der überlange Stammkonsonant des Nominativs pp, tt , kk oder ) nach einem Kurzvokal zu einem einfachen Langkonsonanten gekürzt, d.h. zu einem p, t , k oder im Genitiv - oder umgekehrt. Phonetisch gesehen, wird also ein Stufe III - Konsonant [p::], [t::] , [k::] oder [::]) zu einem Stufe II - Konsonant [p:], [t:] , [k:] oder [:] - oder umgekehrt.

NOMINATIVGENITIV
lipp (+)lipu (-)(Flagge)
pakk (+)paki (-)(Paket)
kapp (+)kapi (-)(Schrank)
tikk (+)tiku (-)(Streichholz)
hüpe (-)hüppe (+)(Sprung)
tõke (-)tõkke (+)(Hürde)

6c. Bei einem dritten Typ des quantitativen Stufenwechsels wird der überlange Stammkonsonant des Nominativs (nach Vokal oder Diphthong) zu einem einfachen Langkonsonanten gekürzt, bzw. der Langkonsonant (nach oder vor einem Sonoranten (r,l,m?)) zu einem Kurzkonsonanten gekürzt. Beide Prozesse zeigen sich nicht in der Orthographie des Estnischen, sondern nur in der Aussprache (in den Beispielen durch die Akzente markiert: ` für die starke Stufe und ´ für die schwache Stufe). Auch ist wieder die starke Stufe mit (+) und die schwache mit (-) markiert.

NOMINATIVGENITIV
`linn (+)´linna (-)(Stadt)
`kool (+)´kooli (-)(Schule)
`noor (+)´noore (-)(jung)
`uks (+)´ukse (-)(Tür)
´laine (-)`laine (+)(Welle)
´arve (-)`arve (+)(Rechung)
´hoone (-)`hoone (+)(Gebäude)
´kapsas (-)`kapsa (+)(Kohl)

7. Einen zweiten Typen der Konsonantenveränderungen durch Stufenwechsel bilden die Qualitätsalternationen. Auch hier gibt es wieder mehrere Varianten:

7a. Bei einem ersten Typ des qualtitativen Stufenwechsels ändert sich der auf einem Langvokal in der Anfangssilbe folgende Plosiv (b [p] oder g [g]) im Stamm des Nominativs zu dem an der gleichen Artikulationsstelle gebildeten Reibelaut (v [v] oder j [j]) im Genitiv (-) oder umgekehrt (+).

NOMINATIVGENITIV
poeg (+)poja (-)(Sohn)
kurb (+)kurva (-)(traurig)
halb (+)halva (-)(schlecht)
turvas (-)turba (+)(Torf)
varvas (-)varba(+)(Zeh)

7b. Ein zweiter Typ des qualtitativen Stufenwechsels beinhaltet einen Assimilationsprozess. Dabei wird nach einem Kurzvokal in den Sonorant-Plosiv-Folgen (mb, nd, ld oder rd) des Nominativstamms der Plosiv an den Sonoranten angeglichen, so dass ein Langkonsonant (mm, nn, ll oder rr) im Genitiv entsteht (-) oder umgekehrt (+).

NOMINATIVGENITIV
kuld (+)kulla (-)(Gold)
kord (+)korra (-)(Ordnung)
lammas (-)lamba (+)(Schaf)
hammas (-)hamba(+)(Zahn)

7c. Beim dritten Typ des qualtitativen Stufenwechsels fallen die Plosive b, d, g sowie t und k, letztere jedoch nur falls sie auf s oder h folgen beim Übergang von Nominativ zu Genitiv aus (-) oder kommen hinzu (+).

NOMINATIVGENITIV
kägu (+)käo (-)(Kuckuck)
laud (+)laua (-)(Tisch)
õlg (+)õla (-)(Schulter)
turg (+)turu (-)(Markt)
juht (+)juhi (-)(Führer)
riie (-)riide (+)(Material)
nõue (-)nõude (+)(Anforderung)

Dazu gibt es noch eine Reihe weitere Beziehungen zwischen Nomen und Genitiv, die von den obigen Regeln nicht erfasst werden, wie z.B.

NOMINATIVGENITIV
käsikäe(Hand)
sõdasõja(Krieg)

Man sieht: Bei der Ableitung des Genitivs aus dem Nominativ kommen oftmals gleich mehrere dieser "Regeln" zur Anwendung, z.B. Anfügen eines Vokals, Fortfall eines Konsonanten und Änderung der Vokalqualität. Tatsächlich gibt es noch eine Reihe von weiteren Unregelmäigkeiten, so dass es insgesamt - wie schon erwähnt - ca. 90 Flexionsparadigmen für Nomen im Estnischen gibt.

Der Estnisch-Lernende braucht aber nicht zu wissen, zu welchem Paradigma ein Wort gehört. Er muss nur, wie gesagt, für jedes Wort 2 bzw. 4 Formen lernen.

Schwierigkeiten entstehen nur dann, wenn sich der Lernende unbekannten Texten gegenüber sieht, die er mit Hilfe eines Wörterbuches zu entschlüsseln versucht. Versucht man etwa den Wörterbucheintrag (Nominativ) des Wortes ua zu finden, und man hat bereits entschlüsselt, dass es sich um einen Genitiv handelt, dann könnte er u.a. uba, uda oder uga lauten.



(b) Bildung des Genitiv Plurals

Beim Genitiv Plural besteht ein ähnliches Problem wie für den Nominativ Plural. Seine Endungen sind zwar relativ systematisch ableitbar, jedoch nicht aus dem Nominativ Singular oder Nominativ Plural, und auch nicht aus dem Genitiv Singular, sondern aus eine weiteren Kasus, dem Partitiv Singular, den wir erst in Lektion 5 kennen lernen. Der Partitiv Singular ist deshalb neben dem Nominativ und Genitiv Singular die dritte Lernform estnischer Nomen und Adjektive.

Der Genitiv Plural bildet dann seinerseits die Basis zur Ableitung aller anderen Deklinationsformen im Plural (mit Ausnahme des Nominativ und Partitiv Plurals).

Es gelten die folgenden Regeln:

1. Endet der Partitiv Singular auf einen Vokal oder auf -d, lautet die Stammendung des Genitiv Plurals -de, wobei das ggfs. bereits vorhandene -d des Partitiv Singular abgetrennt wird.

NOMINATIVPARTITIVGENITIV PLURALBEDEUTUNG
majamajamajade(Haus)
teeteedteede(Weg)
kalakalakalade(Fisch)
munamunamunade(Ei)
vabavabavabade(frei)
tigutigutigude(Schnecke)

2. Endet der Partitiv Singular auf -t, so endet der Genitiv Plural meist auf -te, wobei wiederum das -t des Partitivs abgetrennt wird.

NOMINATIVPARTITIVGENITIV PLURALBEDEUTUNG
meesmeestmeeste(Mann)
tüdruktüdrukuttüdrukute(Mädchen)
tomattomatittomatite(Tomate)
kartulkartulitkartulite(Kartoffel)

3. Dazu gibt es eine Reihe von Ausnahmefällen:

3a. Es gibt einige Nomen, deren Genitiv Plural auf -de gebildet wird, obwohl der Partitiv Singular auf -t endet.

NOMINATIVPARTITIVGENITIV PLURALBEDEUTUNG
akenakentakende(Fenster)
kabukaabutkaabude(Hut)
tütartütarttütarde(Tochter)
hambapastahambapastathambapastade(Zahnpasta)

3b. Endet der Partitiv Singular auf -tt, lautet die Genitiv Plural Endung -te, wobei beide t fortfallen.

NOMINATIVPARTITIVGENITIV PLURALBEDEUTUNG
käsikättkäte(Hand)
süsisüttsüte(Kohle)
vesivettvete(Wasser)

3c. Bei einigen Wörtern wird der Genitiv Plural nicht vom Partitiv Singular sondern vom Genitiv Singular oder Nominativ Singular abgeleitet.

NOMINATIVGENITIVGENITIV PLURALBEDEUTUNG
liigeliikmeliikmete(Mitglied)
seemeseemneseemete(Samene)


2 Wortbildung von Nomen

Wie im Deutschen, können auch im Estnischen neue Wörter durch Verknüpfung (Komposition) von anderen Wörtern gebildet werden. Für den Lernenden ist es wichtig, solche Verknüpfungen auflösen zu können, da er auf diese Weise oftmals neue Wörter leichter lernen kann. Hat im Estnischen ein natives Wort (also kein Fremdwort) mehr als zwei Silben, so deutet das darauf hin, dass es durch eine solche Komposition entstanden ist. Neue Nomen können im Estnischen

gebildet werden. Wir gehen hier zunächst auf die Wortbildung von Nomina durch Komposition ein. Die Wörter in den Beispielen werden natürlich in Wirklichkeit - wie im Deutschen - ohne Bindestrich geschrieben!

(a) Komposita

Nomen(NOM) + Nomen(NOM)

Beide Nomen sind im Nominativ:

pea-valu(Kopfschmerzen)
rõdu-uks(Balkontür)
lill-kapsas(Blumenkohl)
loll-pea(Dummkopf)
Nomen(GEN) + Nomen(NOM)

Der erste Wortbestandteil steht im Genitiv der zweite im Nominativ (Der abgetrennte Vokal ist bei diesen Beispielen das Genitivkennzeichen des ersten Wortes):

lill-e-korv(Blumenkorb)
nädal-a-vahetus(Wochenende)
raamat-u-pood(Buchladen)
hiir-e-lõks(Mäusefalle)
õun-a-kook(Apfelkuchen)
Nomen(in anderen Fällen) + Nomen

Eher selten kommen Komposita vor, bei denen der erste Bestandteil in einem anderen Fall als im Nominativ oder Genitiv stehen und der zweite im Nominativ. Wir werden im 2. Teil dieses Lehrwerks darauf eingehen.

Adjektiv + Nomen

Wie auch im Deutschen können neue Nomen auch durch Kombination von Adjektiv und Nomen gebildet werden.

kõrg-hoone(Hochhaus)
noor-mees(junger Mann, Jüngling)
kiir-rong(Schnellzug)
Adjektiv + Adjektiv

Auch diese Bildung funktioniert wie im Deutschen:

uus-rikas(neureich)
vana-moodne(altmodisch)
Mehrfachgestufte Komposition

Auch mehrfachgestufte Kompositionen sind möglich. Hier im Beispiel Nomen(GEN) + Nomen. Dieses Kompositium wird dann im Genitiv mit einem dritten Nomen komponiert.

päev(Tag)
päeva-kord(Tag[GEN]-Ordnung = Tagesordung)
päeva-korra-punkt(Tagesordnung[GEN]-Punkt = Tagesordnungspunkt)

(b) Wortbildung mit Derivation

Auf Derivationen zur Ableitung neuer Nomen gehen wir in Lektion und im 2. Teil dieses Lehrwerks ein.



3 Pronomen

(a) Possessivpronomen

Der Genitiv des Personalpronomens ist wie im Deutschen identisch mit dem Possessivpronomen. Wie im Nominativ gibt es auch im Genitiv eine Lang- und eine Kurzform. Die Langform wird meist verwendet, wenn das Personalpronomen besonders betont werden soll, ansonsten in der Regel die Kurzform. Dabei gibt es keinen Unterschied zwischen geschriebener und gesprochener Sprache.

Die Personalpronomen in der Übersicht:

minu, muichmeie, mewir
sinu, suduteie, teihr, Sie
tema, taer,sie,esnendesie

Man beachte dass der Genitiv der 3.Pers.Sg., der 1.Pers.Pl. und der 2.Pers.Pl. sich nicht vom entsprechenden Nominativ unterscheidet.



(b) Genitiv der Fragepronomen

Für das Fragepronomen zum Genitiv "wessen?" gibt es im Estnischen zwei Formen, eine für Personen und eine für Dinge.

Die Fragepronomen in der Übersicht:

PersonenDinge
wessen?kelle?mille?



Letzte Änderung: 2007-07-11 09:16:22


Z U R Ü C K



© 2007    Reinhold Greisbach (Institut für Linguistik - Phonetik)   &   Pille Roosmaa (Institut für nordische Philologie)
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